Sinneserfahrungen und Berührungen


Schon von Geburt an nehmen wir Menschen unsere Umwelt mittels unserer fünf Sinne, nämlich Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten, war. Je mehr nun die geistige Wahrnehmung (Kognition) und die Erinnerung nachlassen, desto stärker sind Menschen mit Demenz auf ihre Sinne angewiesen, um ihre Identität zu erhalten und sich in der Welt zurecht zu finden. Das Anregen der Sinne durch den gezielten Einsatz von Sinneserfahrungen kann Erinnerungen wecken und hat einen günstigen Einfluss auf das Verhalten Demenzerkrankter, indem es messbar deren Zufriedenheit steigert.(1)

Neben Sehen, Hören, Riechen und Schmecken kommt insbesondere dem Tastsinn eine besonders hohe Bedeutung zu. Wenn man dementiell erkrankte Menschen beobachtet, kann man feststellen, dass viele sehr intensiv ihre Hände einsetzen. Sie wischen, „nesteln“, nehmen alles in die Hand oder drehen an ihren Fingern. Sie suchen Information über das Umfeld, um sich auch selbst zu spüren. Dies ist am leichtesten über die Hände zu erreichen. Auch weil im Alter oft die Augen schlechter werden und das Gehör nachlässt, gewinnt der Tastsinn zunehmend an Bedeutung.

Aber nicht nur das eigene Ertasten, sondern auch jede weitere spürbare Rückmeldung aus der Umwelt wird zunehmend wichtiger. Schon von Geburt an ist die Berührung ein unverzichtbarer Bestandteil des menschlichen Lebens. Gerade zu Menschen mit fortgeschrittener Demenz, die Worte und Gesten nur noch schwer verstehen, kann durch Berührung eine „Brücke“ gebaut werden.

Um Ihrem dementiell erkrankten Angehörigen angenehme Sinneserfahrungen zu ermöglichen, sollten Sie Folgendes beachten:
Setzen Sie nicht zu viele Sinnesanregungen auf einmal ein, und bieten Sie diese nicht alle gleichzeitig sondern am besten nacheinander an, um den Erkrankten nicht zu überfordern. Lassen Sie dem Demenzerkrankten viel Zeit zum „Nachspüren“. Bieten Sie lieber häufiger kurze Sinnesanregungen an als nur einmal am Tag eine lange. Es gibt auch kein „falsches Spüren“: Korrigieren Sie bitte Ihren Angehöriger nicht, wenn er z.B. einen weichen, flauschigen Stoff als kratzend bezeichnet. Beachten Sie bei Ihren Spürangeboten die Vorlieben oder Abneigungen, denn das Wohlfühlen steht immer im Vordergrund.

Beispiele für angewandte Sinneserfahrungen sind:

Tasten und Fühlen
  • Massagen:
    • z.B. Massage mit Igelbällen: Dabei den Igelball in kreisenden Bewegungen von der Hand über die Arme zur Schulter bewegen. Die Innenseiten der Gelenke lässt man dabei möglichst aus. Dann die Seite wechseln. Dies kann der Demenzerkrankte evtl. bei sich selbst mit Anleitung durchführen. Sie können auch Ihrem rücklings auf einem Stuhl sitzenden Angehörigen eine wohltuende Schulter-Nackenmassage verabreichen, indem Sie den Igelball neben der Wirbelsäule oberhalb des Schulterblattes mit leichtem Druck gleichmäßig entlang der Wirbelsäule bis zum Nacken rollen.
    • Handmassage mit wohlriechender Handcreme oder Massageöl (Aromatherapie)
  • Sinnesspiele wie z.B. kleine Gegenstände in einem sogenannten „Fühlsäckchen“ oder in einer zugedeckten Kiste ertasten oder in einer Schüssel voller Reis- oder Dinkelkörner suchen lassen.
  • Rapsbad für die Hände: Der Raps wird dabei in eine Schüssel oder Wanne gegeben. Mit knetenden Bewegungen gleiten die Hände dann durch die feinkörnigen Rapssamen. Besonders entspannend ist ein Rapsbad, das z.B. im Ofen auf maximal 45 °C erwärmt wurde. Es löst verkrampfte Muskeln, fördert die Durchblutung und wird wegen der entzündungshemmenden Linolensäure, die im Rapssamen konzentriert vorkommt, gerne bei Rheuma, Arthrosen und der chronischen Polyarthritis angewendet. Ebenfalls wohltuend ist ein Bohnen- oder Linsenbad für die Hände. Hier steht jedoch die Sinneserfahrung und weniger die Therapie einer Entzündung im Vordergrund.
  • Beim Backen einen Teig kneten und formen lassen. Dazu eignet sich beispielsweise ein Hefeteig (siehe auch „Hauswirtschaftliches und Gartenarbeit“)
  • Einfache Figuren aus Knete oder Salzteig formen lassen. Hier das Salzteig-Rezept zum Download als PDF.
  • Tast-Domino oder Tast-Memory: Dies kann man recht einfach selbst gestalten, indem man jeweils die Hälften mehrerer Karten (Domino) oder jeweils zwei gleiche Karten (Memory) mit unterschiedlichen Materialien beklebt z.B. Leder, Samt, Schmirgelpapier, Watte, Fell, Krepppapier … (siehe auch „Spiele für Menschen mit Demenz“)
  • In Begleitung evtl. barfuß über Gras, Moos oder Erde gehen (sogenannte „Barfußpfade“). Bei Gangunsicherheit ist jedoch wegen möglicher Sturzgefahr Vorsicht geboten!
Sehen
  • Mobile, Lichterketten, Lavalampen oder Lampen, die ihre Farbe ändern können, ansehen lassen.
  • Das Panorama oder den Sonnenuntergang bei Spaziergängen bewundern
  • Bildbände gemeinsam durchblättern
Hören
  • Entspannende Musik (siehe auch „Musik, Sitztanz und Bewegung“),
  • Regenstab, Klanghölzer, Glöckchen oder ein Windspiel, kleine Dosen, die mit unterschiedlich klingenden Materialien gefüllt sind.
  • Bei Spaziergängen z.B. die Aufmerksamkeit auf Vogelzwitschern lenken.
  • Ein Vogelstimmen-Quiz finden Sie unter folgendem Link.
Riechen & Schmecken
  • Duftkerzen, Aromalampen, Duftöle, Lavendelsäckchen, Lieblingsparfum, Kaffeebohnen usw..
  • Kräuter (z.B. Pfefferminze, Melisse, Rosmarin) und Gewürze riechen und schmecken lassen und dadurch Erinnerungen aktivieren (siehe auch „Erinnerungspflege“).

Quelle:
(1) Sposito et al.: Effects of multisensory and motor stimulation on the behavior of people with dementia.
Dementia (London) 2017 Apr; 16 (3):344-359